Die Sache mit der Angst – Wie wir ruhig und gefasst bleiben
- Anne Hehl

- 12. März
- 5 Min. Lesezeit
Die Nachrichtenlage kann einem wirklich Angst und Bange machen. Kriege, Krisen, Katastrophen – wohin man auch schaut. Und dann kommen da noch die ganz persönlichen Ängste dazu: die Angst vor der Zukunft, vor Kontrollverlust, vor dem Scheitern. Kennst Du das? Dieses diffuse Gefühl von Unruhe, das sich im Bauch breitmacht? Oder die konkreten Sorgen, die nachts um drei auf einmal ganz laut werden?
In dieser Zeit, in der die Welt manchmal ziemlich laut und bedrohlich wirkt, ist es wichtiger denn je, dass wir uns mit diesem Gefühl auseinandersetzen. Nicht um es wegzudrücken, sondern um zu verstehen, was Angst eigentlich ist – und vor allem: wie wir mit ihr umgehen können, ohne dass sie uns überwältigt.
INHALT

Angst ist nicht der Feind
Lass uns eines direkt klarstellen: Angst ist erst mal nichts Schlechtes. Im Gegenteil. Angst ist ein uralter Schutzmechanismus unseres Körpers. Sie hat uns Menschen über Jahrtausende am Leben gehalten. Wenn unsere Vorfahren in der Savanne einem Säbelzahntiger begegnet sind, war es die Angst, die dafür gesorgt hat, dass sie die Beine in die Hand genommen haben – und zwar schnell.
Das Problem ist: Unser Nervensystem unterscheidet nicht zwischen einem Säbelzahntiger und einer beunruhigenden Nachrichtenschlagzeile. Es reagiert auf beides mit den gleichen Programmen - wahlweise u.a. Kampf, Flucht oder Erstarrung. Nur dass wir heute eben nicht mehr davonrennen können, wenn uns die Weltlage Sorgen bereitet oder wenn wir uns vor einer schwierigen Aufgabe fürchten.
Und so sitzt die Angst in unserem Körper fest. Sie macht sich breit im Bauch, schnürt die Kehle zu, lässt das Herz rasen. Unser Nervensystem läuft auf Hochtouren – obwohl es gerade keine akute Gefahr gibt, vor der wir fliehen müssten.
Warum Angst Teil von uns ist
Angst gehört zu uns. Sie ist eine von vielen Emotionen, die wir Menschen fühlen können – und sie darf da sein. Das klingt vielleicht banal, aber ich finde es wichtig, das zu betonen. Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir oft den Eindruck haben, wir müssten immer stark sein, immer alles im Griff haben, immer positiv denken. Aber das ist unrealistisch.
Angst ist ein Signal. Sie zeigt uns, dass uns etwas wichtig ist. Dass wir etwas zu verlieren haben. Dass wir uns Gedanken machen – um uns selbst, um andere, um die Welt. Wenn Du Angst spürst, heißt das nicht, dass Du schwach bist. Es heißt, dass Du ein fühlender Mensch bist.
Gleichzeitig – und das ist der Knackpunkt – müssen wir dafür sorgen, dass die Angst uns nicht überwältigt. Dass sie uns nicht handlungsunfähig macht oder in eine Dauerschleife aus Sorgen zieht.
Das Nervensystem verstehen
Um mit Angst umgehen zu können, ist es hilfreich zu verstehen, was in unserem Nervensystem passiert. Unser autonomes Nervensystem hat zwei Hauptmodi:
Der Sympathikus ist unser Aktivierungsmodus. Er sorgt dafür, dass wir wach und aufmerksam sind. In Gefahrensituationen schaltet er auf Hochtouren: Herzschlag beschleunigt sich, Atmung wird schneller, Muskeln spannen an. Kampf oder Flucht.
Der Parasympathikus ist unser Entspannungsmodus. Er sorgt für Ruhe, Verdauung, Regeneration. Wenn der Parasympathikus aktiv ist, fühlen wir uns sicher und können uns entspannen.
Bei Angst ist der Sympathikus dauerhaft aktiviert – auch wenn gar keine unmittelbare Gefahr besteht. Unser Körper ist im Alarmzustand, obwohl wir gerade auf der Couch sitzen. Das ist anstrengend. Und genau hier können wir ansetzen.
Wie wir ruhig und gefasst bleiben
Die gute Nachricht: Wir können unser Nervensystem beeinflussen. Wir können ihm signalisieren: "Alles gut. Du bist gerade sicher." Hier sind einige Wege, wie das geht:
1. Atme bewusst
Unser Atem ist die direkteste Verbindung zu unserem Nervensystem. Wenn wir gestresst oder ängstlich sind, atmen wir flach und schnell. Wenn wir bewusst langsam und tief atmen, senden wir unserem Nervensystem das Signal: "Es ist sicher."
Versuch mal Folgendes: Atme vier Sekunden lang ein, halte zwei Sekunden, atme sechs Sekunden lang aus. Wiederhole das ein paar Mal. Du wirst merken, wie Du ruhiger wirst. Die verlängerte Ausatmung aktiviert den Parasympathikus und bringt Dich zurück in die Entspannung.
2. Komm in Deinen Körper
Wenn die Gedanken kreisen und die Angst sich breit macht, hilft es, wieder in den Körper zu kommen. Spüre Deine Füße auf dem Boden. Nimm wahr, wie Dein Körper auf dem Stuhl oder auf dem Bett liegt. Berühre etwas – eine Decke, Deine Kleidung, eine Tasse. Diese kleinen Wahrnehmungen holen Dich aus dem Gedankenkarussell zurück ins Hier und Jetzt.
3. Bewege Dich
Unser Körper ist darauf programmiert, bei Angst aktiv zu werden – wegzurennen, zu kämpfen. Wenn wir stattdessen starr auf dem Sofa sitzen bleiben, staut sich die Energie. Beweg Dich. Geh raus, mach ein paar Liegestütze, tanze durch die Wohnung, schüttle Deinen Körper. Beweg die Angst aus Dir heraus.
4. Sprich mit jemandem
Angst wird größer, wenn wir sie für uns behalten. Sie wächst im Dunkeln. Sprich mit jemandem darüber – einer Freundin, einem Therapeuten, einer Vertrauensperson. Oft wird die Angst allein dadurch schon kleiner, dass wir sie aussprechen.
5. Begrenze die Nachrichtenflut
Ja, es ist wichtig, informiert zu sein. Aber es ist genauso wichtig, Dich zu schützen. Du musst nicht jede Eilmeldung lesen, nicht jeden Newsticker verfolgen. Setze Dir feste Zeiten, zu denen Du Nachrichten konsumierst – und lege dann das Handy weg. Dein Nervensystem wird es Dir danken.
6. Schaffe Dir sichere Räume
Unser Nervensystem braucht Sicherheit. Schaffe Dir bewusst Momente, in denen Du Dich sicher fühlst. Das kann eine Morgenroutine sein, eine gemütliche Ecke in Deiner Wohnung, ein Spaziergang in der Natur. Orte und Rituale, die Dir signalisieren: "Hier bist Du sicher."
Vertrauen als Gegenpol zur Angst
Hier wird es jetzt vielleicht ein bisschen philosophisch, aber ich glaube, es ist wichtig: Der Gegenpol zur Angst ist nicht Mut. Es ist Vertrauen. Vertrauen darauf, dass Du mit dem, was kommt, umgehen kannst. Vertrauen darauf, dass das Leben Dich trägt – auch wenn es gerade turbulent ist. Vertrauen darauf, dass Du nicht alles kontrollieren musst.
Das heißt nicht, dass Du naiv sein sollst oder die Augen vor realen Problemen verschließen sollst. Es heißt, dass Du lernst, mit Ungewissheit zu leben. Dass Du akzeptierst, dass es Dinge gibt, die außerhalb Deiner Kontrolle liegen – und dass das okay ist.

Jetzt wird's persönlich
Auch wenn ich eher selten Angst habe: ich kenne Angst. Auch ich kenne die Nächte, in denen die Gedanken nicht aufhören wollen. Ich kenne das Gefühl, dass die Welt zu viel ist. Und ich habe gelernt, dass Angst nicht verschwindet, indem ich sie ignoriere. Sie verschwindet auch nicht, indem ich dagegen ankämpfe.
Was mir hilft: Ich nehme die Angst wahr. Ich spüre, wo sie in meinem Körper sitzt. Und dann atme ich. Langsam. Tief. Ich sage mir: "Das ist Angst. Sie darf da sein. Aber sie ist nicht ich. Und ich kann etwas tun." Und dann tue ich etwas. Ich bewege mich. Ich mache Musik an und tanze. Ich übe Yoga. Oder ich setze mich einfach hin und atme, bis es ruhiger wird.
Du bist nicht allein
Falls Du gerade das Gefühl hast, dass die Angst zu groß wird – bitte such Dir Hilfe. Es gibt wunderbare Therapeut*innen, Coaches, Berater*innen - auch ich bin gerne für Dich da.. Du musst das nicht alleine durchstehen. Und Du musst auch nicht perfekt mit Deiner Angst umgehen. Es reicht, wenn Du anfängst, Dich mit ihr auseinanderzusetzen.
Angst ist Teil des Menschseins. Aber sie muss nicht das Ruder übernehmen. Du kannst lernen, ruhig zu bleiben. Gefasst zu bleiben. Vertrauensvoll zu bleiben.
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